Ein Band mit Kurzgeschichten ist eine Sammlung von spannenden, lustigen und mehr oder weniger anspruchsvollen Geschichten, wobei sich in der Regel auch immer solche darunter befinden, die eher langweilig sind und bei denen das Lesen Zeitverschwendung ist. Völlig anders verhält es sich dagegen mit den elf Kurzgeschichten in dem Buch Macadam oder Das Mädchen von Nr. 12 von Jean-Paul Didierlaurent, die allesamt lesenswert sind.

Während in einer der Geschichten ein alter Mann nach einem Sturz den Rest seines Lebens notgedrungen in einem Altenheim verbringen muss, sucht ein ebenfalls in die Jahre gekommener zwanghaft nach Texten für eine Handschriftenanalyse. Ein erst Sechsjähriger vermisst seinen verstorbenen Vater, ein achtjähriges Mädchen leidet unter den Gedanken an ein immer wiederkehrendes Ungeheuer sowie „kreischende Engel“. Als achtzehnjähriger muss Joseph mit zwanzig weiteren Soldaten in den Krieg ziehen, dem Gefängnisinsassen Yvan wird vom Direktor ein letzter Wunsch erfüllt, und Pater Duchaussoy geht im Beichtstuhl einer ungewöhnlichen Beschäftigung nach.

Samuel ist Totengräber in einem Dorf, in dem es zwischen der katholischen und evangelischen Kirchenuhr eine Zeitdifferenz von zehn Minuten gibt. Gaétan wird von Schuldgefühlen geplagt, wegen eines falschen Tons auf der Trompete den Tod eines Matadors verursacht zu haben. Mathilde, der an der Mautstation in Villefranche-Limas seit Tagen ein gelber Kombi auffällt, wird eines Tages von dem Fahrer zum Essen eingeladen, womit er ihr eine schwere Entscheidung aufbürdet. Und die als Toilettenfrau in einer Stierkampfarena arbeitende Arrenza Calderón hängt jahrzehntealten Erinnerungen nach, die einen Stellenwechsel unmöglich gemacht haben.

Die elf anspruchsvollen Kurzgeschichten von Jean-Paul Didierlaurent in dem Buch Macadam oder Das Mädchen von Nr. 12 machen nachdenklich und sind meist beklemmend. Es fällt leicht, in jede der Erzählungen von Anfang an einzutauchen, weil es der Autor versteht, das Interesse des Lesers sofort zu wecken. Am Ende sorgen die Geschichten zumeist für eine Überraschung. Jean-Paul Didierlaurent spielt auf hohem Niveau mit Sprache, was besonders in der Erzählung zum Tragen kommt, in der es um Kindesmissbrauch geht. Obwohl der Autor dieses Wort kein einziges Mal erwähnt hat, erreicht er mit bildhaften Vergleichen doch das Verständnis für die Tat. Weitere Themen sind der Krieg, die Judenverfolgung, körperliche Behinderung, Trauer und Verbitterung. Trotz der zugegebenermaßen eher düsteren Inhalte, denn Frohes oder Amüsantes findet sich nicht, kann für die Lektüre dieser außerordentlich interessanten Kurzgeschichten eine uneingeschränkte Leseempfehlung gegeben werden.

Jean-Paul Didierlaurent Macadam oder Das Mädchen von Nr. 12, Deutscher Taschenbuch Verlag 2017, Klappenbroschur, 154 Seiten, ISBN 978-3-423-26145-6, Preis: 14,90 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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