Bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus hat Volker Plauschenat von den Piraten heute Frederikes Partei, den Grünen, die Wähler geraubt, nachdem er bereits vor ein paar Jahren ihre Idee zu dem Kurzkrimi „Der Facebook Mörder“ gestohlen hatte. An zahllosen Samstagvormittagen hatte sie am Infostand der Grünen versucht Passanten zu überzeugen und doppelt so viel Zeit und Energie investiert, wie Volker Plauschenat in seine Kandidatur. Aber nun darf dieser Nerd in Berlin Politik machen! Nach allen Kräften will sie nun diese Freibeuterpartei torpedieren, damit die Piraten den Grünen nicht auch noch die Bundestagswahl versauen. Doch weil es unmöglich ist, es mit einer ganzen Partei aufzunehmen, wird sie sich ganz auf Volker Plauschenat konzentrieren.

Auch einen Monat nach der Wahl stellt sie fest, dass ihre Abneigung gegen die Piratenpartei nicht abgenommen hat. Bei Wikipedia und auf dem pirateneigenen Wiki findet sie ausführliche Informationen über Volker Plauschenat und seine Genossen. Das Gute bei den Piraten ist die Kombination aus Internet und Transparenz, die es ihr leicht machen wird, ihnen „Dreck am Stecken“ nachzuweisen und sie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen, denkt Frederike. Doch kann sie bei ihren Recherchen keine Übertretung bundesdeutscher Tabus von Volker Plauschenat finden, der nun auch noch in einem Ausschuss maßgeblich in der Berliner Umweltpolitik mitmischen darf, obwohl ihn Umweltthemen nicht interessieren.

Als Frederike zu einem Piraten-Stammtisch gehen möchte, vermittelt ihr die Parteifreundin Heike einen Kontakt zu Yorick, mit dem sie zu einem „Crewtreffen“ der Piraten geht, bei dem sie überaus freundlich aufgenommen wird. Bei einem weiteren Treffen führt Yorick sie in den Kinski Club ein, den Heimathafen der Piraten, wo sie auch gleich bei einer Diskussion mitmischt. Schnell ist sie von einigen Piratinnen umringt, die ihr vorschlagen für den Vorstand zu kandidieren. Obwohl sie nur als Beobachter hierher gekommen ist, wird sie schneller zum potentiellen Mitglied als ihr lieb ist, und nachdem sie mit Yorick eine Nacht verbracht hat, füllt sie einen Mitgliedsantrag für die Piratenpartei aus…

Zunächst einmal die gute Nachricht: Nach der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus ist die FDP nicht mehr vertreten und auch die Grünen mussten herbe Verluste hinnehmen. Doch dafür ist die Piratenpartei mit fünfzehn Abgeordneten ins Landesparlament eingezogen. Ein Update des Systems auf Politik 2.0 ist von vornherein zum Scheitern verurteilt, denn tiefgreifende Veränderungen bewirken auch sie nicht. Durch Querelen untereinander reiben sie sich auf und werden durch die reale Politik zermürbt. Sehr anschaulich zeigt Robert Löhr in Erika Mustermann am Beispiel des Protagonisten Volker Plauschenat, wie einen Politiker die eigene Vergangenheit einholen kann und er von seiner Partei zerfleischt wird. Neben satirisch anmutenden Szenen sind in der Handlung auch einige Hintergrundinformationen über die Piratenpartei zu finden, die den einen oder anderen Leser vielleicht veranlassen, sich mit den Piraten einmal näher zu beschäftigen. Der Roman ist in einem flüssigen, angenehmen Schreibstil verfasst und bietet perfekten Lesegenuss. Mit Erika Mustermann beweist Robert Löhr, wie unterhaltsam und amüsant Politik sein kann.

Robert Löhr, Erika Mustermann, Piper Verlag 2013, Klappenbroschur, 272 Seiten, ISBN 978-3-492-05452-2, Preis: 16,99 Euro.

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Über den Autor: Michael Petrikowski

Ich lese seit über 45 Jahren Sachbücher aus unterschiedlichen Wissensgebieten und über diverse Themen. Meine große Leidenschaft gehört allerdings der zeitgenössischen Literatur, wobei mein Hauptinteresse den deutschsprachigen Autoren gilt. Erich Maria Remarque, Hans Fallada, Heinrich Böll und Günter Grass, um nur einige Autoren zu nennen, haben mich in meiner Jugend geprägt. Seit 2008 schreibe ich kurze und prägnante Buchbesprechungen über Belletristik sowie über Sachbücher zu verschiedenen Themen.

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