Wer als Pendler im Ruhrgebiet mit dem Auto unterwegs ist, weiß ein Lied von den täglichen, kilometerlangen und zeitraubenden Staus zu singen! Ist ein Unfall als Ursache auszumachen, weiß man zumindest, dass niemand dafür zur Rechenschaft gezogen werden kann und ist froh, nicht in den Unfall verwickelt zu sein. Doch wenn Fahrbahnen aufgrund von Baustellen wegfallen, auf denen weit und breit kein Arbeiter zu sehen ist, dann kann das Unverständnis und Wut bei den Menschen auslösen, die auf diese Weise eine nicht unbeträchtliche Zeit auf den Autobahnen, anstatt daheim bei ihren Familien zubringen.

Das Schicksal dieser Autofahrer teilt auch Klaus-Werner Lippermann in dem Kriminalroman Die Abbieger von Thomas Schweres. Täglich muss er über die A40 von Dortmund-Dorstfeld, wo er zusammen mit seiner Mutter in einer Zechensiedlung wohnt, zu seinem Arbeitsplatz nach Duisburg. Über vier Jahre hat er genau festgehalten, wie lange er unnötig in Staus verbracht hat. Gemeinsam mit seinem Freund Alfred, mit dem ihn die Liebe zu Kaninchen verbindet, will er das nicht länger hinnehmen und den Schuldigen bestrafen. Sie entführen Dr. Rainer Weissfeldt von Straßen.NRW in Gelsenkirchen, den sie in der Kleingartenanlage Emscherglück unterbringen. Er soll bei ihren Fahrten am eigenen Leib erfahren, wie es ist, stundenlang im Stau zu stehen.

Bei Kriminalhauptkommissar Georg Schüppe gehen unterdessen die Vermisstenmeldung sowie ein Bekennerschreiben vom TuS-V!, Tierfreunde und Staugegner – Vereinigt!, ein, worin die Entführer ein Lösegeld fordern. Sie machen sogar Vorschläge zur Vermeidung von Staus und, was Schüppe und seinen Kollegen Gültekin erst recht stutzig macht, soll auch noch den Kaninchenmorden der letzten Zeit auf den Grund gegangen werden. So vermuten sie die Entführer von Dr. Weissfeldt zunächst im Umkreis der Personen, die Opfer von Kaninchenmorden wurden. Doch damit nicht genug, haben sie auch einen weiteren Fall einer Frau aufzuklären, die beim Hausputz entweder unglücklich gestürzt, oder ermordet wurde. Gottlob kann sich Schüppe auf Tom Balzack verlassen, einen Reporter, der für einen wichtigen Fall auch schon mal auf ein Schalke-Spiel verzichtet.

Thomas Schweres überzeugt mit seinem irrwitzigen und saukomischen Kriminalroman Die Abbieger von Anfang an. Dem Entführten wird Wasser aus einer Kaninchentränke gereicht, und die Entführer nennen sich wie ihre Kaninchen Mr. Whitey und Mr. Molly. Durch die Mutter von Klaus-Werner Lippermann mit ihrem für das Ruhrgebiet typischen Dialekt gewinnt der Roman an Authentizität. In den Plot hat der Autor kritische Aspekte wie die Notwendigkeit zur Aufstockung, wenn die Rente zum Leben nicht reicht, oder von dem Trick einiger Betrüger, sich als Beamte auszugeben, eingebaut.

Der Autor benennt aber auch ganz deutlich die Fehlplanung, die beim Ausbau der A2 von vier auf sechs Spuren zwischen Kamen und Hamm dazu führte, dass auf einer Länge von 600 Metern eine Abweichung von fast einem halben Meter angepasst werden musste, die natürlich mit erheblichen Kosten einhergingen. Außerdem spricht er die Problematik der Betonleitwände an, die die ehemaligen Leitplanken aus Stahl ersetzen. Obwohl sie auch Vorteile bieten, ist aufgrund ihrer Starrheit die Gefahr eines Überschlagens des Fahrzeugs erhöht und laut einer Studie des ADAC fühlen sich viele Autofahrer im Baustellenbereich eingeengt. Das führt dazu, dass sie häufig auf die rechte Spur wechseln und die Autobahn somit fast nur noch einspurig genutzt wird, was wieder zu erhöhtem Stauaufkommen und mehr Unfällen führt.

Das Buch Die Abbieger ist in einem flüssigen Schreibstil verfasst, reizt die Lachmuskeln, wenn sich die Entführer beispielsweise eine Wasserpistole besorgen und verfügt dennoch über genügend kriminelle Energie, um trotz der witzigen Szenen dem Genre Kriminalroman alle Ehre zu machen.

Thomas Schweres, Die Abbieger, Grafit Verlag 2017, Taschenbuch, 285 Seiten, ISBN 978-3-89425-485-8, Preis: 11,00 Euro.

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Über den Autor: Beatrix Petrikowski

Das Lesen gehört seit jeher zu meinen Hobbys. Besondere Vorlieben hat es in dieser Hinsicht nie gegeben, obwohl ich aber schon immer einen gewissen Anspruch an ein Buch hatte. Das Spektrum reicht von Krimis, historischen Romanen und witzigen Büchern über Sachbücher verschiedenster Themen bis hin zu den Klassikern. Seit 2011 schreibe ich Buchbesprechungen und führe Interviews mit Autoren.

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