Die wohlhabende 69-jährige Clara Dorn hat ihr Antiquitätengeschäft bereits vor einigen Jahren geschlossen. Doch macht sie dank ihrer solventen Privatkundschaft noch immer ein kleines Vermögen, das sie in edlen Boutiquen für Designerkleidung ausgibt. Sie sieht blendend aus, fühlt sich wie eine Frau in den besten Jahren und ist in einer Beziehung mit dem ehemaligen Model Sky. Gelegentlich träumt sie davon, für ein Lifestyle-Magazin interviewt zu werden und führt Gespräche mit einer fiktiven Journalistin. Zusammen mit ihrer einzigen Freundin Marie, die bis vor einem Jahr die exklusivste Galerie in Hamburg geleitet hat, geht sie in Kunstausstellungen und zu Theaterpremieren. Als Marie an Krebs erkrankt, besucht Clara sie nicht im Krankenhaus und bleibt auch ihrer Beerdigung fern.

Am Tag der Beisetzung erleidet Clara eine Panikattacke und wird in ein Krankenhaus eingeliefert. Daraufhin beschließt sie, in ihre alte Heimat zurückzukehren, die sie vor mehr als zwanzig Jahren verlassen hat, um noch einmal neu anzufangen. Sie quartiert sich ohne Zögern bei ihrer Tochter Katrin ein, die sie damals als 14-jährige in der Kleinstadt bei ihrer Großmutter und ihrem Vater zurückließ. Doch Katrin durchläuft gerade selber eine Krise, denn ihr Mann Joachim hat sie verlassen und ist spurlos verschwunden. Außerdem fehlt ihr das Geld, die Arztpraxis zu modernisieren, die sie von ihrem Vater übernommen hat. Von den finanziellen Problemen ihrer Tochter ahnt Clara jedoch nichts und spendet fast ihr gesamtes Geld einem kirchlichen Wohltätigkeitsverein, in dem sie unbedingt Mitglied werden möchte. Die Vorsitzende der „Frauen des Heiligen Herzens“ ist ihre alte Erzfeindin Hilde Kühn, die auf jeden Fall verhindern will, dass Clara aufgenommen wird.

Nicht ohne Sarkasmus beschreibt Susanna Mewe in ihrem Roman Als Clara Dorn ein bisschen heilig wurde eine egoistische Frau, die selbst, als sie versucht Gutes zu tun, nur an sich denkt. Weder die Protagonistin Clara Dorn, noch ihre Tochter Katrin, kann die Sympathie des Lesers für sich gewinnen. Doch ist es der Autorin gelungen, mit ihrem witzig-ironischen Schreibstil und außergewöhnlichen Ideen für den gut durchdachten Plot den Leser bestens zu unterhalten und die Neugier auf den weiteren Verlauf der Handlung zu wecken. Eine wirkliche, charakterliche Veränderung durchläuft die Protagonistin nicht. Auch wenn sich das angespannte Verhältnis zwischen Clara und Katrin am Ende etwas verbessert, bleibt sie eine selbstsüchtige Person, die sich nicht eingestehen will, dass sie ihrer Tochter keine gute Mutter war. So bleibt zum Abschluss nur die Frage offen, warum Susanna Mewe den Roman Als Clara Dorn ein bisschen heilig wurde ihrer Mutter gewidmet hat.

Susanna Mewe, Als Clara Dorn ein bisschen heilig wurde, Deutscher Taschenbuch Verlag 2017, Klappenbroschur, 287 Seiten, ISBN 978-3-423-26125-8, Preis: 14,90 Euro.

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Über den Autor: Michael Petrikowski

Ich lese seit über 45 Jahren Sachbücher aus unterschiedlichen Wissensgebieten und über diverse Themen. Meine große Leidenschaft gehört allerdings der zeitgenössischen Literatur, wobei mein Hauptinteresse den deutschsprachigen Autoren gilt. Erich Maria Remarque, Hans Fallada, Heinrich Böll und Günter Grass, um nur einige Autoren zu nennen, haben mich in meiner Jugend geprägt. Seit 2008 schreibe ich kurze und prägnante Buchbesprechungen über Belletristik sowie über Sachbücher zu verschiedenen Themen.

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