Wenn Erinnerung trügt und Vertrauen zerbricht

Cover von Das Signal von Ursula Poznanski

Erwachen ohne Vergangenheit

Die mit dem Meinungsforscher Adam Decker verheiratete Viola wacht im Krankenhaus ohne Erinnerung an das Geschehene auf. Von einer Ärztin erfährt sie, dass sie einen Unfall hatte, bei dem sie sich neben einer Gehirnerschütterung drei Rippen brach und ihr linkes Bein verlor. Adam, mit dem sie seit fünf Jahren verheiratet ist und mit dem sie erst vor drei Monaten in ein abgelegenes, altes Haus gezogen ist, erklärt ihr bei seinem Besuch, dass er bereits eine Pflegekraft organisiert habe: Die aus Rumänien stammende Otilia werde bei ihnen einziehen. Da Viola vorerst keine Treppen steigen könne, müssten sie zudem auf getrennten Etagen schlafen.

Zweifel im eigenen Zuhause

Wieder zu Hause angekommen, stellt Viola irritiert fest, dass ihre App den Live-Standort ihres Ehemannes nicht mehr anzeigt. Zufällig stößt sie auf eine Werbung für Tracker, von denen sie ohne zu zögern zehn bestellt. Obwohl Otilia gut kochen kann, ist sie Viola unsympathisch, und auch beim Besuch ihrer Freundin Romy entsteht der Eindruck, von Otilia mit Blicken regelrecht getötet zu werden. Immer wieder fragt sich Viola, womit sie am Morgen des Unfalls nach dem Frühstück beschäftigt war und warum sie in den baufälligen Weinkeller ging, dessen Einsturz ihr Bein zerquetschte.

Überwachung und wachsendes Misstrauen

Der übertrieben fürsorglich wirkende Adam entzieht sich konsequent allen Versuchen, das Bett mit Viola zu teilen. Ihr Misstrauen wächst, als sie mithilfe eines Trackers feststellt, dass er sich nicht dort aufhält, wo er vorgibt zu sein. Zudem scheint sich wiederholt jemand in ihrem Zimmer aufgehalten zu haben. Als der am Down-Syndrom leidende Nachbarsjunge Benno ihr von einem grünen Mann mit Lampe erzählt und beim nächsten Besuch eine schmutzige Stofftasche mitbringt, dämmert Viola allmählich, wer damit gemeint sein könnte. Inzwischen überwacht sie nicht nur Adam, der behauptet, nach London gereist zu sein, die Stadt jedoch nie verlassen hat, sondern auch ihre Freundin Marit und Otilia.

Bedrohung und Entschlossenheit

Dass Adam sie belügt, steht für Viola außer Frage. Mehr noch: Es verdichtet sich der Verdacht, dass man ihr sogar nach dem Leben trachtet. Indem ihr wiederholt die Krücken entzogen werden, soll offenbar ihr Heilungsprozess gezielt verzögert werden. Doch Viola beginnt, sich vorzubereiten – und sinnt auf Rache.

Subtil erzählter Thriller mit Tiefgang

Ursula Poznanski hat für ihren Thriller Das Signal eine subtile Erzählweise gewählt, in der die Protagonistin in der Ich-Form berichtet. Der Plot beschreibt den langsam fortschreitenden Weg der Rehabilitation eines Menschen, der plötzlich lernen muss, mit nur einem Bein im Alltag zurechtzukommen. Dabei erklärt die Autorin unter anderem die Spiegeltherapie, bei der dem Gehirn mittels eines Spiegels eine Illusion vorgespielt wird, um Phantomschmerzen zu lindern.

Rätsel, Symbole und überraschende Wendungen

Der Leser wird früh mit der Andeutung konfrontiert, dass Viola ihrem Mann gegenüber etwas „erfolgreich verheimlicht“ – eine Aussage, die erst im weiteren Verlauf ihre Bedeutung entfaltet. Zudem tauchen immer wieder kryptische Motive auf, etwa drei blinde Ratten, neun zankende Zwerge, blutende Augen, fünf tote Geier oder vierundzwanzig Katzen, die letztlich in einer intelligent durchdachten Auflösung münden. Der am Ende überraschungsreiche Thriller Das Signal fesselt von der ersten Seite an und ist durchaus auch empfindlicheren Leserinnen und Lesern zu empfehlen. Da Adam nicht ahnt, was seine Frau längst weiß, amüsiert man sich über die doppeldeutigen Dialoge zwischen den Eheleuten. Ein Plot, der über die gesamte Länge überzeugt.

Das Signal von Ursula Poznanski

Cover von Das Signal von Ursula Poznanski
Knaur Verlag 2026
Hardcover mit Schutzumschlag
400 Seiten
ISBN 978-3-426-56812-5

Bildquelle: Knaur Verlag


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