
Wer sind die Indigenen? Ein notwendiger Einstieg
Indigene sind die Nachkommen der ursprünglichen Bevölkerungen eines Landes – Menschen, deren Kulturen, Sprachen und Traditionen bereits vor der Kolonisierung existierten. Zu ihnen zählen unter anderem die Indianer Nord- und Südamerikas, die Aborigines in Australien, die Māori in Neuseeland, die Inuit der Polarregion, die Sami Nordeuropas sowie zahlreiche indigene Gruppen in Bolivien, Guatemala und Peru.
Katherena Vermette, selbst indigene Kanadierin, weist in ihrem Roman Die Frauen der Familie in einer einleitenden Warnung darauf hin, dass das Buch für viele Leserinnen und Leser mit traumatischen Erfahrungen belastend sein kann. Umso bewusster habe sie „Liebe und Hoffnung“ in ihre Texte gelegt.
Vier Frauen, vier Schicksale – ein generationenübergreifender Blick
Der aus dem kanadischen Englisch von Claudia Max übersetzte Roman erzählt die Geschichten von vier Frauen derselben Familie. Annie aus Downtown muss erleben, wie ihre Tochter Margaret ihr Jurastudium aufgrund einer Schwangerschaft abbricht, nachdem Jacob sie im Stich gelassen hat. Später gewährt Annie ihrer Enkelin Elsie zu viele Freiheiten – mit der Folge, dass Elsie bereits mit sechzehn Jahren Mutter von Phoenix wird.
Phoenix: Geburt in Ketten und ein Leben voller Entbehrungen
Phoenix, unehelich geboren, erwartet ebenfalls als Jugendliche ein Kind – jedoch in einer Haftanstalt. An ein Bett gefesselt bringt sie ihren Sohn zur Welt und nennt ihn Sparrow, nach ihrer früh verstorbenen Schwester. Unmittelbar nach der Geburt drängt eine Sozialarbeiterin sie dazu, das Kind abzugeben, das ihr sofort entzogen wird.
Elsie: verlorene Träume, verlorene Kinder
Elsie, Phoenix’ Mutter, wollte einst mit Shawn glücklich werden. Doch seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis hat sie ihn nicht mehr gesehen, und Jimmy hat sie für Val verlassen. Sie fühlt sich von allen im Stich gelassen. Phoenix wurde ihr genommen, später auch Cedar und Sparrow. Hoffnungslos, pleite und abhängig von Drogen versucht sie bei ihrem Onkel Toby einen Neuanfang.
Cedar: ein neues Zuhause, ein alter Schmerz
Nach fast einem Jahr ohne Kontakt soll Cedar nach mehreren Pflegestellen zu ihrem ihr fremd gewordenen Vater Shawn ziehen. Dort lebt er mit seiner Frau Nikki und deren Tochter Faith in einem großzügigen Haus. Zum ersten Mal in ihrem Leben hat Cedar genug zu essen und erhält sogar Taschengeld. Doch ihr größter Wunsch bleibt: ihre Mutter und ihre Schwester Phoenix wiederzusehen, die sie seit zwei Jahren nicht mehr getroffen hat.
Familiäre Wurzeln und die Last der Vergangenheit
Angélique Laliberté – im Roman Annie genannt – ist die Ururururgroßmutter der Autorin. Vermette zeigt anhand von Phoenix’ Geschichte, wie indigene Kinder und Jugendliche überdurchschnittlich häufig von Suizid bedroht sind. Phoenix, in einer „beschissenen Einzelzelle“ untergebracht, findet nur in Gesprächen mit ihrem Aufseher Ben – teils in den Sprachen Nishnab oder Michif – etwas Halt. Als sie nach fünf Jahren einen ersten, alles verändernden Besuch erhält, ist ihr angesichts der sie umgebenden „Dreckschlampen“ alles „scheißegal“.
Was geschah wirklich? Die Frage nach Phoenix’ Schuld
Der Grund für Phoenix’ Inhaftierung bleibt unklar. Cedar hört von ihrer Pflegemutter Nikki, Phoenix sei eine gefährliche Kriminelle. Ihre Mutter Elsie behauptet, Phoenix habe „schreckliche, unvorstellbare Dinge getan“. Cedar selbst fühlt sich unsichtbar, ungeliebt und denkt in ihrer Verzweiflung an Suizid. Der Tod der kleinen Sparrow belastet jedes Familienmitglied auf eigene Weise.
Bis auf Cedars Kapitel, die in der Ich-Form erzählt werden, gestaltet Vermette den Roman in wechselnden Perspektiven, jeweils überschrieben mit dem Namen der Protagonistin.
Ein Roman, der Zeit braucht – und Zeit lässt
Vermette nimmt sich viel Raum, um die Vergangenheit der Familie auszuleuchten: Phoenix’ Kindheit, Elsies Jugend bei Mamère, Grandmère und Grandpa, das frühere Zusammenleben vieler Familienmitglieder und Annies Rolle als verbindende Kraft.
Die Frauen der Familie ist ein zutiefst berührender Roman, der eine vielen Lesern unbekannte Welt sichtbar macht und sie mit den Figuren – besonders mit Phoenix – mitfühlen und mitleiden lässt.
Die Frauen der Familie von Katherena Vermette

Übersetzung von Claudia Max
btb Verlag 2025
Taschenbuch
464 Seiten
ISBN 978-3-442-77062-5