Die auf ihre Besucher so harmlos wirkende „Villa Baviera“, die heute ein Hotel im bayrischen Stil beherbergt, birgt ein zutiefst trauriges und erschütterndes Geheimnis der chilenischen, wie auch der deutschen Vergangenheit. Seit der Gründung der totalitären Siedlung Colonia Dignidad im Jahr 1961 durch den ehemaligen Jugendpfleger Paul Schäfer wurden in der südlich von Santiago de Chile gelegenen Region Parral über Jahrzehnte um die dreihundert Menschen ihrer persönlichen Habe beraubt, bespitzelt und unter strengsten Sicherheitsverwahrungen regelrecht gefangen gehalten sowie mit Elektroschocks und Psychopharmaka gefügig gemacht. Zur Auswanderung nach Chile hat er sie bewegt, indem er ihnen mit dem angeblichen Einmarsch der Russen Angst eingejagt hat. Kinder, die er für seine sexuellen Perversionen missbrauchte, hat er unter Vortäuschung falscher Tatsachen nach Chile entführt. Wer die Flucht wagte, wurde vom Militär aufgegriffen, das im Gegenzug eine Unterstützung durch die einer Sekte ähnelnden Siedlung erfuhr, was Diktator Pinochet an die Macht verhalf, der wiederum seine Gegner auf dem weitläufigen Areal foltern ließ. Selbst Angehörige der deutschen Botschaft waren korrupt, boten den Flüchtenden keine Hilfe und lieferten sie ihren Peinigern aus. Aber auch die UNO und Amnesty International, die seit 1976 von den Vorwürfen wussten, unternahmen nichts. Außenminister Steinmeier, der erst kürzlich die Akten unter Umgehung der regulären Schutzfrist freigab, räumte in einer Erklärung immerhin ein, dass „bestenfalls weggeschaut“ wurde. Anja Jonuleit wagt in ihrem Roman Rabenfrauen eine Aufarbeitung der damaligen Ereignisse. Weiterlesen »

Hannah, die vor zweiundzwanzig Jahren im Alter von neun Jahren ihre Eltern verlor, wird von Roberta Rossi telefonisch über den Tod ihrer Tante Elisabeth, kurz Eli genannt, benachrichtigt. Drei Wochen später macht sie sich auf nach Umbrien, wo sie den Verkauf des Sommersitzes ihrer Tante in Castelnuovo in die Wege leiten muss. Der Tod von Eli hat sie sehr getroffen, zumal sie zeitgleich ihre Beziehung zu einem verheirateten Mann beendete. In dem Sommerhaus findet Hannah an sie gerichtete Zeilen ihrer Tante, die sie verwundern und offensichtlich mit ihrer eigenen Vergangenheit verknüpft sind. Da Hannah Journalistin ist, will sie die Zeit in Castelnuovo für einen Artikel nutzen. Im Ort trifft sie auf Matteo Di Lauro, der von den Leuten nur Der Apfelsammler genannt wird, weil er vor dem Aussterben bedrohte Obstsorten retten will. Um mehr über diesen eigensinnigen Mann zu erfahren, will sie ihm, wie es zuvor Eli tat, bei der Ernte behilflich sein. Doch sie ahnt nicht, dass ihr zukünftiges Leben dadurch in eine völlig andere Richtung gelenkt wird.

Immer tiefer taucht Hannah in die Vergangenheit ihrer Tante ein, die in einem Einödhof in Mosisgreuth, einem kleinen Dorf im Allgäu, aufgewachsen ist und schwer unter ihrem tyrannischen Vater leiden musste. Von ihrer Neugier getrieben erfährt Hannah, dass Eli eine unglückliche Liebe mit dem italienischen Gastarbeiter Georgio verband und sogar ein Kind geboren hat, was so gar nicht zu der Tante passt, die sie kannte. Weiterlesen »