Missgeschick mit Folgen

Eine Kurzgeschichte aus dem Buch „Ein Kind des Ruhrgebiets“.

Sylvia warf einen letzten, kritischen Blick in den Spiegel und verabschiedete sich von Tom mit einem Kuss auf die Wange: „Also dann, mach’s gut. Bis heute Abend.“
„Ja, bis heute Abend und lass es dir gut gehen!“

Kaum war Sylvia aus dem Haus, griff Tom auch schon zu seinem Handy. Nach kurzer Zeit meldete sich eine Stimme: „Ja, Tom?“
„Guten Morgen Theresa, ja, ich bin’s. Sylvia hat sich gerade auf den Weg zur Arbeit gemacht. Ich muss mich nur noch schnell fertig machen und könnte in einer halben Stunde beim Café Schucan sein. Passt dir das?“
„Na klar, geht in Ordnung. Bis gleich – ich freu’ mich!“
Aufgeregt räumte Tom den Frühstückstisch ab. Wenn Sylvia wüsste! Sein Herzschlag beschleunigte sich bei dem Gedanken an sein Vorhaben. In den zehn Jahren, die sie bereits miteinander verheiratet sind, hatte er noch nie Geheimnisse vor ihr.

Währenddessen erreichte Sylvia den Parkplatz vor der Kanzlei und stieg die Treppen hinauf in den 3. Stock. Fast wäre sie gestolpert, als sich einer ihrer Absätze löste und sie nur noch hinken konnte. Das hatte ihr gerade noch gefehlt! So kann sie unmöglich den Klienten gegenübertreten. Es wird ihr nichts anderes übrig bleiben, als nur kurz Bescheid zu sagen und schnell einen Schuster aufzusuchen.
Schon nach wenigen Minuten saß Sylvia wieder in ihrem Auto und quälte sich durch die Innenstadt. Die nächste Ampel sprang gerade auf Rot und sie musste anhalten. Missgelaunt klopfte sie ungeduldig mit den Fingern aufs Lenkrad, wobei sie plötzlich etwas auf der gegenüberliegenden Straßenseite erblickte. Es schoss ihr wie ein Stromschlag durch sämtliche Glieder, und sie rieb sich die Augen. Das kann doch nicht wahr sein! Ihr Tom, der eigentlich gleich zum Dienst antreten müsste, sitzt dort mit einer ihrer Freundinnen. Mit der zugegebenermaßen attraktiven Theresa aus Kuba. Diese Schlampe! Tut immer so scheinheilig, als könnte sie kein Wässerchen trüben.
Der Tag war Sylvia mit der Erkenntnis, dass ihr Mann sie betrog, gründlich verdorben, und sie nahm sich kurzfristig frei. Wie von Sinnen warf sie sich zu Hause aufs Bett und schluchzte. Völlig ratlos, wie es jetzt weitergehen sollte, nahm sie eine Pizza aus dem Eisfach, schob sie in den Backofen und entkorkte eine Flasche Rotwein.

Als Tom pünktlich um fünf nach Hause kam, fand er sie angetrunken vor. „Hallo mein Schatz, was ist denn hier los? Wie siehst du denn aus? Du hast ja ganz verheulte und verwischte Augen.“ Mit einem Blick auf den Tisch, auf dem noch die Reste der Pizza und zwei geöffnete Weinflaschen standen, fügte er hinzu: „Warst du gar nicht auf der Arbeit? Du hast Wein getrunken? Was ist hier los?“
Sylvia hatte ihn ausreden lassen und blickte ihn nur verständnislos an. Das soll ihr Mann sein, dem sie vertraut hatte? Der nicht mal den Schneid besitzt, ihr offen zu beichten?
Langsam sammelte sie sich, holte tief Luft und begann in ruhigem Ton: „Das könnte ich dich fragen, was das soll.“
„Ich verstehe nicht…“
„Ach nein, du verstehst nicht? Hast du mir nichts zu sagen?“
„Ich weiß nicht, was du meinst. Was sollte ich dir sagen?“
„Was bist du doch verlogen. Wie konntest du mir das nur antun?“
„Was antun?“
Sylvia konnte sich nun nicht mehr in der Gewalt halten und brach erneut in Tränen aus. „Ich dachte, wir wären glücklich verheiratet. Ich glaubte, ich wäre die Einzige für dich. Aber nein, du musst mit dieser Schlampe…“ Sie schluchzte: „War sie gut, ja? Ist sie besser als ich?“
„Jetzt reicht’s mir langsam. Was soll das Theater. Spinnst du? Hast du nicht mehr alle Tassen im Schrank? Wovon redest du?“
„Ach, du streitest es auch noch ab? Spar dir deine Ausreden. Ich habe euch beobachtet. Heute früh, im Café Schucan.“
Jetzt war es raus und Sylvia beobachtete, wie Tom leicht zusammenzuckte.
„Langsam begreife ich“, nickte Tom mit dem Kopf. „Ich dachte, du wärst in der Kanzlei und würdest nichts davon mitbekommen.“
„Ja“, lachte Sylvia höhnisch. „Das dachtest du. Aber es kommt immer anders, als man denkt. Ich musste dringend zum Schuster und habe dich mit Theresa gesehen. Wie dumm von dir, ausgerechnet am Fenster zu sitzen.“
„Ich glaube, ich muss dir da etwas erklären.“
Giftig schleuderte sie ihm entgegen: „Das glaube ich allerdings auch!“
Tom machte einen Schritt auf Sylvia zu und wollte sie in seine Arme schließen. Doch sie sprang hysterisch zurück und warnte ihn: „Fass mich nicht an!“
Tom wehrte vorsichtig ab: „Es ist nicht so, wie du denkst.“
„Nein? Wie ist es denn?“, fragte Sylvia, wobei sie nicht wusste, ob sie lachen oder weinen sollte.
„Ich habe mich mit Theresa getroffen. Ja. Aber ich wollte von ihr ein paar Tipps über Kuba, da sie dort aufgewachsen ist.“
„Wie edel von dir“, unterbrach ihn Sylvia, „und das soll ich dir glauben?“
Nun riss auch Tom der Geduldsfaden und er packte Sylvia fest an den Handgelenken. „Jetzt hältst du einmal deinen Mund und unterbrichst mich nicht andauernd. Ich möchte ausreden: Für unseren Hochzeitstag wollte ich dich mit etwas Besonderem überraschen. Ich weiß, dass es schon seit längerem dein Wunsch ist, einmal Kuba auf eigene Faust zu erkunden. Deshalb habe ich einen Flug gebucht, eine individuelle Reiseroute ausgearbeitet, ein Mietauto reserviert, Hotels ausgewählt. Von Theresa wollte ich mir heute noch einige Tipps geben lassen. Mit deinem Chef habe ich auch alles abgeklärt, damit es keine Probleme mit der Urlaubsplanung…“
Unvermittelt unterbrach Sylvia seinen Redefluss, und ihr war längst klar, dass hier ein gewaltiges Missverständnis vorlag: „Deshalb ist mir Herr Hohmann immer ausgewichen, wenn ich das Thema Urlaub ansprechen wollte.“ Sylvia flossen neue Tränen über die Wangen, aber dieses Mal waren es Tränen des Glücks und der Freude. Dankbar über die unerwartete Wendung fiel sie Tom um den Hals, der sie augenblicklich tröstete: „Liebling, es tut mir so leid, dass ich dir unbeabsichtigt einen Schrecken eingejagt habe. Dein Missgeschick mit diesem blöden Schuhabsatz hat mir meine Überraschung gründlich vermiest.“
„Na ja, die Überraschung ist dir schon heute gelungen“, meinte Sylvia lächelnd.

Ein Kind des Ruhrgebiets von Beatrix Petrikowski

Ein Kind des Ruhrgebiets
Books on Demand 2015
Broschur
204 Seiten
ISBN 978-3-7392-2289-9

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