Geblieben ist Verbitterung

Eine Kurzgeschichte aus dem Buch „Ein Kind des Ruhrgebiets“.

Nach einem viel zu kalten und verregneten Frühling lockte die Sonne endlich die Menschen ins Freie. So genossen auch Jennifer und ihre Freundin Nicola das herrliche Wetter, und sie verabredeten sich mit ihren Kindern zu einem Spaziergang an der Mosel. Laura und Celina hatten sich im Kindergarten kennengelernt und waren seitdem unzertrennlich.
„Komm, lass uns mit den Kindern auf den Spielplatz gehen. Dann können sie sich mal so richtig austoben“, schlug Nicola vor.
Ihre Tochter Celina schnappte den Vorschlag sofort dankend auf und schrie Laura zu: „Los, wir dürfen auf den Spielplatz!“
Schon rannten die beiden los und stürmten auf die Schaukeln zu, während die Mütter ihnen gemächlich folgten und auf einer Bank Platz nahmen.
„Das wurde aber auch Zeit, dass es endlich mal trocken ist und wärmer wird. Das Wetter der letzten Wochen ist mir richtig aufs Gemüt geschlagen“, meinte Nicola.
„Wem sagst du das“, seufzte Jennifer, „ich will hoffen, dass es jetzt so bleibt und dass wir einen richtig schönen Sommer bekommen.“ „Fahrt ihr weg?“, wollte Nicola wissen. „Wir haben nämlich mit unserer Kurzen einen Flugurlaub gebucht, und sie freut sich schon riesig auf das große Flugzeug, von dem ich ihr erzählt habe.“
„Ja, wir wollen noch einmal in eine Ferienanlage auf Menorca. Laura kennt die Anlage, die einen wundervollen Dünenstrand hat und für einen Urlaub mit Kindern einfach ideal ist, schon vom letzten Jahr. Wir nutzen zum letzten Mal die günstigere Zeit außerhalb der Ferien. Denn wenn im nächsten Jahr die Schule losgeht und man nur noch in der Saison verreisen kann, werden wir uns das nicht mehr leisten können.“
Nicola blickte Jennifer erstaunt an: „Fahrt ihr denn nicht im Sommer, wenn der Kindergarten für drei Wochen geschlossen hat?“ „Nein, wir fahren erst nach den Schulferien, in der Nachsaison.“ „Und wie regelt ihr das mit Laura?“, wunderte sich Nicola. „Du hast bestimmt Eltern, die in der Zeit die Kinderbetreuung übernehmen, oder? Dann geht es euch besser als uns, denn meine Eltern sind schon lange tot, und die Schwiegereltern schaffen das gesundheitlich nicht mehr.“
„Nein, nein, besser geht es uns auch nicht. Mein Mann und ich nehmen uns jeder abwechselnd für eine Woche Urlaub, und in der Zeit bleibt jeweils einer bei der Kleinen zu Hause. Für die dritte Ferienwoche kann ich Laura zu meinem Bruder geben. Das ist zwar nicht die Ideallösung, aber obwohl meine Eltern im Gegensatz zu deinen noch leben, habe ich zu ihnen keinen Kontakt mehr“, gestand Jennifer.

„Guck mal, Mama, wie hoch ich schaukeln kann!“, rief Celina. „Ja, das machst du prima“, wurde sie von ihrer Mutter gelobt. „Gleich gehen wir noch auf das Klettergerüst und die Seilbahn. Aber ihr braucht uns nicht mehr auf den Sitz zu helfen und hochzuziehen, das schaffen wir schon alleine“, ergänzte Laura ganz stolz.

Nicola nahm den Gesprächsfaden wieder auf: „Warum habt ihr keinen Kontakt mehr? Ich wäre froh, wenn meine Eltern noch lebten. Die würden sicher ganz stolz auf ihre Enkeltochter sein und könnten mich entlasten.“
„Ach weißt du, das ist eine lange Geschichte“, antwortete Jennifer. „Ich habe bisher noch mit niemandem darüber gesprochen.“
Nicola erwiderte mitfühlend: “Du musst es mir nicht erzählen, wenn es dich zu sehr belastet. Es geht mich ja eigentlich auch gar nichts an.“
„Ist schon in Ordnung“, räumte Jennifer ein. „Vielleicht tut es mir auch mal gut, wenn ich mit jemandem darüber rede.“ Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr und stellte erschrocken fest: „Ach, ich habe gar nicht bemerkt, wie schnell die Zeit vergangen ist. Mein Mann muss heute Abend nach Dienstschluss noch zu einer Vorstandssitzung, und wenn er zwischendurch kurz nach Hause kommt und sich umzieht, hat er es gerne, wenn ich dann auch da bin. Nach der Sitzung wird es meistens spät, und wir würden uns sonst gar nicht mehr sehen. Tut mir leid, unser Gespräch über meine Eltern müssen wir wohl erst einmal verschieben.“

Nicola hatte dafür volles Verständnis und war sofort damit einverstanden, dass sie sich auf den Rückweg machten. Lediglich die beiden Mädchen murrten. So dauerte es auch nicht lange, bis eine von ihnen einen Einfall hatte: „Kann denn nicht Celina heute mal bei uns schlafen?“, fragte Laura und fixierte dabei sehnsüchtig ihre Mutter.
„Ja, wenn Celinas Mama das erlaubt, dann kann sie das meinetwegen gerne tun. Und vor allem muss Celina das selbst auch wollen.“
„Ja, ja!“, rief die sofort freudestrahlend, „ich möchte bei Laura schlafen. Mama, darf ich?“, bettelte nunmehr Celina. Ein Lächeln ihrer Mutter deutete sie sofort als Zustimmung und Jennifer fügte zu Nicola gewandt hinzu: „Wenn du Celina am Abend vorbei bringst und Lust hast, kannst du gerne ein Stündchen bleiben. Wie ich schon sagte, bin ich sowieso alleine.“
„Das passt prima. Mein Mann ist nämlich wieder eine ganze Woche auf einem Lehrgang und ich bin froh, wenn ich abends eine Abwechslung habe. Wir telefonieren zwar immer, nachdem er mit seinen Kollegen zu Abend gegessen hat, aber danach fällt mir die Decke auf den Kopf. Celina bringe ich spätestens um acht Uhr ins Bett, und alleine lassen mag ich sie nicht. Meistens beschäftige ich mich mit Dingen, für die sonst keine Zeit ist und die liegen geblieben sind. Passt es dir, wenn wir nachher so gegen sieben bei euch sind? Dann kann ich meinen kleinen Schmutzfink vorher noch in die Wanne stecken und schnell das Nötigste für sie einpacken. Ich bringe auch ihren Schlafsack mit, so dass du nicht extra ein Bett beziehen musst.“
„Das wäre zwar nicht nötig, aber gut, so machen wir das. Kommt um sieben, dann bin ich auch so weit.“ Den Kindern offenbarte Jennifer: „Ihr habt gewonnen! Celina darf heute bei uns schlafen, aber nur, wenn es kein Theater gibt, hört ihr! Dann wollen wir uns jetzt mal etwas beeilen und zusehen, dass wir schnell nach Hause kommen.“
Das ließen sich die beiden Mädchen nicht zweimal sagen und konnten den Abend, der jede Menge Aufregung und Spannung versprach, schon gar nicht mehr abwarten.
Pünktlich standen Nicola und Celina vor der Haustür und Laura nahm sofort ihre Freundin bei der Hand, um mit ihr in ihrem Zimmer zu verschwinden. Jennifer bat Nicola in den zum Wohnzimmer angrenzenden Wintergarten, der einen Blick auf die ersten Sommerblumen in diesem Jahr freigab.
„Was darf ich dir anbieten?“, fragte Jennifer. „Magst du auch einen Wein?“
„Ja gerne“, gab Nicola zurück und nahm in einem der bequemen Korbstühle Platz.
Jennifer öffnete eine Flasche Rotwein, holte zwei Gläser, schenkte ein und reichte ein Glas Nicola: „Auf einen schönen Abend und darauf, dass sich unsere beiden Trabanten weiterhin so gut verstehen.“
Nachdem Nicola den schönen Garten ausgiebig bewundert hatte und die Frauen sich zunächst über die Erziehung ihrer Kinder austauschen konnten, kam Jennifer auf das bereits auf dem Spielplatz angeschnittene Thema zu sprechen: „Du wolltest von mir wissen, wieso ich zu meinen Eltern keinen Kontakt mehr habe. Ich will versuchen, dir das zu erklären: Es fing alles damit an, dass meine Eltern hier in Trittenheim Bekannte hatten. Ich glaube, es waren frühere Nachbarn von uns, die hierher gezogen sind. Ist ja auch egal. Auf jeden Fall besuchten meine Eltern die immer häufiger, weil ihnen die Gegend und die schönen kleinen verschlafenen Dörfer hier so gut gefallen haben. Mit den Großstädten im Ruhrgebiet, wo ich die ersten Jahre aufgewachsen bin, ist das nicht zu vergleichen. Meine Eltern kamen im Herbst zu den Weinfesten hierher und zogen abends durch die gemütlichen Straußwirtschaften, die sie auch in der Form gar nicht kannten. Dazu kam, dass die Grundstückspreise damals extrem niedrig waren, zumindest, wenn man etwas abseits, also nicht direkt in den bekannten Weinanbauorten ein Grundstück gekauft hat, wozu sie sich dann auch entschlossen haben. Allerdings rechneten meine Eltern nicht damit, dass mein Vater hier in der Gegend keine Arbeit finden würde. Er war in Essen bei ThyssenKrupp beschäftigt, wo er schon seine Ausbildung gemacht hat und als Mechaniker, soweit ich das beurteilen kann, musste er gut verdient haben. Das Haus war fertig und meine Mutter zog mit meinem Bruder und mir hierher. Doch mein Vater musste weiterhin in Essen bleiben und konnte nur am Wochenende zu uns nach Hause. Er bewohnte lediglich ein kleines, ganz einfaches Zimmer in der Nähe von seinem Arbeitsplatz. Ohne Dusche, denn die hatte er ja im Werk, und anstelle einer Küche hatte er nur eine Kochplatte, um sich morgens notdürftig eine Tasse Kaffee machen zu können.“
Nicola hörte aufmerksam zu und nach einer kleinen Pause, in der sie kurz an ihrem Weinglas nippte, führte Jennifer weiter aus: „Die Abende waren für ihn in dem beengten Zimmer langweilig, er hatte keine Unterhaltung, keine Abwechslung. Ihm fehlte seine Familie. So suchte er Trost im Alkohol, der aus ihm einen völlig anderen Menschen machte. Einmal daran gewöhnt, wollte er auch am Wochenende, wenn er nach Hause kam, nicht darauf verzichten. Er beneidete uns, weil wir in dem schönen neuen Haus wohnen durften, so dass er uns im Alkoholrausch zunehmend tyrannisiert hat. Wir haben unseren Vater nicht mehr wiedererkannt. Wir kannten ihn als einen fürsorglichen Menschen, und nun war er nur noch jähzornig, missgelaunt und aggressiv. Meine Mutter hat er geschlagen, und wir Kinder haben das alles mit ansehen müssen. Um Ruhe vor ihm zu haben, baten mein Bruder und ich unsere Mutter wiederholt, sich von ihm zu trennen. Schließlich hatte Mutter schon Angst und zitterte, wenn das Wochenende kam, und er sie wieder schlagen würde. An einem Wochenende war es so schlimm, dass sie sogar ins Krankenhaus in die Notaufnahme musste. Doch auch sie hat sich verändert und anscheinend in ihr Schicksal gefügt. Sie blieb weiterhin bei ihrem Mann und hat dadurch auch nicht verhindert, dass er uns das Leben zur Hölle gemacht hat. Er legte uns sämtliche Steine in den Weg, die er nur finden konnte. Wir durften die Schule nicht länger als nötig besuchen, und er zwang uns sogar zu einer Ausbildung, obwohl wir beste Schulnoten aufwiesen und gerne eine weiterführende Schule besucht hätten.“
„Entschuldige, dass ich dich unterbreche. Aber ich kann es fast nicht glauben, dass es so etwas gibt. Alle Eltern wollen doch normalerweise nur das Beste für ihre Kinder und sind froh, wenn sie in der Schule Erfolg haben“, warf Nicola ein.
„Eigentlich ja, so sollte es sein. Aber unser Vater muss uns wohl zunehmend gehasst haben. Mein Bruder ist jedenfalls sofort mit achtzehn zu seiner Freundin gezogen. Obwohl die noch bei ihren Eltern wohnte, konnte er dort mit ihr ein Zimmer beziehen. Ich selbst habe mich in eine Beziehung gestürzt, weil ich dachte, alles ist besser als zu Hause zu bleiben. Für meinen Bruder und mich steht heute fest, dass wir unseren Vater nie wiedersehen wollen. Er hat uns so viele Chancen genommen und ich bin zwei Jahre bei einem Therapeuten in Behandlung gewesen. Was unsere Mutter anbelangt, so können wir ihr einfach den Vorwurf nicht ersparen, dass sie nur zugesehen und uns nicht vor ihm beschützt hat.“ „Und glaubst du daran, dass ihr euch noch einmal die Hand zur Versöhnung reichen werdet?“
„Ach Nicola“, gab Jennifer traurig zurück, „es ist so viel Verbitterung geblieben und ich bin, ehrlich gesagt, froh, dass das leidige Thema Vergangenheit ist. Eine Geste der Versöhnung müsste, wenn überhaupt, von Seiten meiner Eltern kommen. Ich kann nicht sagen, wie ich reagieren würde, ob ich eine Entschuldigung annehmen könnte. Es ist jetzt so, wie es ist. Und es hilft auch nicht, wenn ich mir vor Augen führe, wie anders alles hätte kommen können, wenn… ja, wenn es das Wörtchen ‚wenn’ nicht gäbe.“
Jennifer fühlte, dass sie die Beschäftigung mit ihrer Vergangenheit doch sehr aufwühlte und die drückende Stimmung, die nun im Wintergarten förmlich zu spüren war, lastete auf beiden Frauen. Erst, nachdem Laura und Celina zu ihnen kamen und sich müde an ihre Mütter kuschelten, wurden sie in die Gegenwart zurückgeholt. Nicola trank ihren letzten Schluck Wein und hielt den Zeitpunkt für gekommen, sich von ihrer Tochter zu verabschieden.
Jennifer begleitete ihre Freundin zur Wohnungstür: „Ja, dass es in unserer Familie so etwas gibt, hätte ich nie für möglich gehalten. Ich kann nur hoffen, dass mein Mann und ich zu Laura immer ein gutes Verhältnis haben.“ Sie drückte Nicola zum Abschied: „Komm gut nach Hause!“ „Danke, ich melde mich morgen.“

Ein Kind des Ruhrgebiets von Beatrix Petrikowski

Ein Kind des Ruhrgebiets
Books on Demand 2015
Broschur
204 Seiten
ISBN 978-3-7392-2289-9

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