Ein Kind des Ruhrgebiets

Ein Essay aus dem Buch “Ein Kind des Ruhrgebiets”.

Wenn ich auf Reisen gefragt werde, woher ich komme, dann ist mit “Ruhrgebiet” in der Regel die Frage erschöpfend beantwortet. Im Ausland wird mir durch ein Kopfnicken signalisiert, dass man mich nun geographisch einordnen kann. Befinde ich mich in deutschen Landen, erreicht mich eher ein bedauernswertes “Aha”. Jeder weiß jetzt, woher ich komme: Aus dem “Kohlenpott”! Wo die Luft von den Abgasen der zahlreichen Schornsteine verpestet ist und wo es keine Grünflächen gibt. Man hat es auch schon längst geahnt, denn mein Ruhrgebietsdialekt hat mich verraten. So bedauernswert die Blicke auch sein mögen, sie können mich nicht treffen und ebenso wenig verletzen. Diese Erfahrung teile ich mit den meisten Menschen, die hier aufgewachsen sind.

Meine frühesten Erinnerungen gehen zurück in die 1950er Jahre. Ich war oft bei meinen Großeltern in der Bergbausiedlung zu Besuch, wo das Zusammenleben unter den Nachbarn noch groß geschrieben wurde und heute Kultstatus besitzt. War man doch als Kumpel „unter Tage“ aufeinander angewiesen, so setzte sich die unkomplizierte Hilfsbereitschaft in der wenigen freien Zeit, meist an den Wochenenden, fort. Die Siedlungen für die Bergarbeiter, die in den letzten Jahren als schmucke Eigenheime eine Aufwertung erfahren haben, umfassten ganze Straßenzüge, und gemessen an den heutigen Wohnverhältnissen waren die Wohnungen klein. Bäder gab es in der Regel noch nicht, so dass man zu den Örtlichkeiten nach draußen in den Stallanbau auf das Plumpsklo musste. Im Sommer wie im Winter, bei Tag, wie auch in der Nacht. Hinter den Wohnhäusern befanden sich üblicherweise große Gärten, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit dem geselligen Nachbarschaftsleben dienten.

Ich erinnere mich an die typischen Geräusche, die vornehmlich vormittags bei schönem Wetter zu hören waren, wenn die fleißigen Hausfrauen ihre Teppiche über die Teppichstangen legten und kräftig ausklopften. An ihren bunten Kittelschürzen und einem Kopftuch, das hinten zusammengebunden wurde, konnte man sie erkennen. Gingen sie dann nach dem Hausputz zum nur um die Ecke gelegenen Tante Emma-Laden „auf die Straße“, konnten sie sicher sein, mindestens ein bekanntes Gesicht zu treffen. Denn jeder kannte in der Siedlung jeden. Ein kurzes Pläuschchen hier, ein längeres Pläuschchen da, die Zeit nahm sich jeder und das gehörte damals, als kaum jemand einen Fernseher besaß, zum täglichen Leben ganz selbstverständlich dazu.

Eine beliebte Freizeitbeschäftigung war die Kaninchenzucht. Da sich zwischen den Häusern und Gärten oftmals Ställe befanden, boten sich diese regelrecht für die Tierhaltung an. Mein Opa gehörte auch zu den Männern, die diesem Hobby nachgingen. So wurden von ihm jeden Tag in der Wohnküche, was meine Oma immer wieder wegen der Geruchsbelästigung zu Beschimpfungen reizte, die Kartoffelschalen für die Tiere gekocht. Das Beste war für die Kaninchen gerade gut genug, denn schließlich sollten sie auf den Rasse-Ausstellungen möglichst einen Preis gewinnen, und tatsächlich zeugten mehrere Urkunden in der Wohnung meiner Großeltern von den Zuchterfolgen meines Opas.

In meiner Kindheit gehörte es auch für viele unserer Nachbarn ganz selbstverständlich dazu, einen Schrebergarten zu besitzen. Die sich immer mehr ausbreitenden Städte mit modernen Neubausiedlungen konnten zwar mit der mehrgeschossigen Bauweise viel Wohnraum schaffen, aber in den Häusern sehnten sich die Menschen nach ein wenig Natur, um dem zunehmend stressigen Alltag entfliehen zu können. Durch die wachsende Bevölkerungsdichte nahm natürlich auch der Straßenverkehr und Lärm zu, und so suchten sie einerseits etwas Ruhe, und andererseits vermissten sie das gewohnte, nachbarschaftliche Miteinander.

Das Schienennetz war schon damals gut ausgebaut, und wenn man in eine Stadt zum Einkaufen ging, fuhr man mit der Straßenbahn. Ja, und mit der Straßenbahn ist man auch gefahren, wenn man einen Tagesausflug machen wollte. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass es bei uns jedes Jahr im Sommer einmal zum Grugapark, einem der größten Parks Deutschlands, nach Essen ging. Der Höhepunkt dieses Tages war dann die Fahrt mit der Bimmelbahn, wie wir Kinder die Grugabahn nannten, die eine Runde durch den Park fuhr. Wenn das Wetter es erlaubte, ging es in das zum Gruga-Komplex gehörende Schwimmbad, das als besondere Attraktion schon damals über ein Wellenbad verfügte. Und, was nicht fehlen durfte, war die Verpflegung, die stets aus von meiner Mutter am Vortag selbst gebackenen Waffeln bestand. Ein weiteres beliebtes Ausflugsziel, von dem ich anschließend stolz meinen Freundinnen vorgeschwärmt habe, war der Baldeneysee in Essen, auf dem man Bootsrundfahrten machen oder einfach nur dem bunten Treiben der zahlreichen Ausflügler zusehen konnte.

In den Städten dominierte die Farbe schwarz. Die Fassaden der Gebäude, Häuser und Kirchen waren schwarz und auch die Wäsche wurde es auf der Leine, wenn sie zu lange hängen blieb. Da haben sich die Kohleberge, die Deputatkohle der Bergleute, die vor den Hauseingängen ausgeschüttet wurden, nicht viel vor dem Hintergrund abgehoben. Es war uns Kindern ein vertrautes Geräusch, wenn die Männer dann nach der Arbeit die Kohle mit der Schaufel in den Keller beförderten, oftmals schon in der Dämmerung oder sogar im Dunkeln. Das Bild unserer Städte bestand aus Fördertürmen der Bergwerke, von denen es in einer Stadt gleich mehrere gab. Von wenigen Autos abgesehen, war die Straßenbahn das dominierende Verkehrsmittel und die zum Abwasserfluss degradierte Emscher, die in diesen Tagen eine aufwändige Renaturierung erfährt, nannte jeder nur „Köttelbecke“. Überall gab es aufgeschüttete Halden von nicht brauchbarem Bergematerial und da, wo Zechen geschlossen wurden, entstanden oft weitere Abraumhalden, die in den letzten Jahren begehbar ausgebaut wurden und mittlerweile beliebte Naherholungsgebiete sind. Da das Ruhrgebiet Ende des 19. Jahrhunderts, bedingt durch die Eröffnung immer weiterer Zechen, ein explosionsartiges Bevölkerungswachstum erfahren und Menschen aus ganz Europa angezogen hat, musste schnell für neuen Wohnraum gesorgt werden. Für die Bergleute und ihre Familien wurden, teilweise in Eigenleistung, Zechensiedlungen in unmittelbarer Nachbarschaft der Bergwerke errichtet. So sind auch meine Urgroßeltern vor dem Ersten Weltkrieg aus Ungarn ins Ruhrgebiet gezogen, meine Großeltern und meine Eltern haben hier gelebt und ich bin ebenfalls hier aufgewachsen.

Es bleibt zu hoffen, dass sich die Schließungen großer Betriebe nicht weiter fortsetzen und der Strukturwandel nicht zur Verwaisung unserer Städte führt. Der Dezimierung der Bevölkerung durch weitere Abwanderungen muss durch gezielte Förderprogramme, die Anreize für eine Ansiedlung neuer Investoren und damit dringend benötigte Arbeitsplätze schaffen, Einhalt geboten werden, damit das Ruhrgebiet wieder zu einem attraktiven Lebensraum wird.

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Ein Kind des Ruhrgebiets von Beatrix Petrikowski

Ein Kind des Ruhrgebiets
Books on Demand 2015
Broschur
204 Seiten
ISBN 978-3-7392-2289-9

Preis: 9,95 Euro
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