Auf zur Zopetscharte

Eine Kurzgeschichte aus dem Buch „Ein Kind des Ruhrgebiets“.

Erschöpft lagen sie auf dem Bett, und Achim streichelte zärtlich über Edithas Gesicht. „Ich kann es kaum abwarten“, hauchte er ihr ins Ohr, „wenn wir endlich für immer zusammen sind und wir uns nicht mehr in einem Hotelzimmer verkriechen müssen.“
„Du musst dich nur noch ein wenig gedulden, Liebster, dann steht uns nichts und niemand mehr im Weg.“
„Und du bist wirklich davon überzeugt, dass es klappen wird?“
„Natürlich!“, gab Editha bestimmt zurück. „Du darfst nicht immer so schwarzsehen. Alles wird so ablaufen, wie ich es geplant habe.“
„Und wenn es jemand beobachtet?“
Ein wenig genervt fragte Editha: „ Was beobachtet?“
„Na, wie du deinem Mann einen Schubs gibst. Halt, dass es kein Unglück ist, sondern – sondern vorsätzlicher Mord!“
„Du vergisst, dass da oben nicht Heerscharen von Wanderern unterwegs sind. Natürlich werde ich einen Moment wählen, in dem wir ganz sicher alleine, ohne Zuschauer sind. Und dann wird es so schnell gehen, dass er nicht einmal etwas davon mitbekommt. Sein letzter Gedanke ist vielleicht, dass ich versehentlich an ihn gestoßen bin. Aber dann wird es schon zu spät sein.“
Editha löste sich aus der Umarmung und begab sich ins Bad.
„Komm, lass uns nach dem Duschen noch etwas essen gehen. Ich habe einen Riesenhunger.“
Achim hörte, wie sie das Wasser aufdrehte und starrte selbst gedankenverloren aus dem Fenster. Erst, als Editha wieder zurück ins Zimmer kam, schreckte sie ihn aus seinen Träumen. Einerseits war auch er davon überzeugt, dass es keinen anderen Ausweg gibt, denn Edithas Ehemann war in der Gesellschaft hoch angesehen und strebte eine politische Karriere an. Eine Trennung bedeutete immer einen kleinen Skandal, den er unter allen Umständen vermeiden wollte. Andererseits lief es Achim bei dem Gedanken, sich eines Ehemannes auf so brutale Weise zu entledigen, kalt den Rücken hinunter.

Sie wählten das gemütliche, griechische Lokal ganz in der Nähe des Hotels, in dem sie schon des Öfteren eine Kleinigkeit zu sich genommen hatten. Der Inhaber kannte sie bereits und hielt sie bestimmt für ein verheiratetes Paar.
„Wie erfahre ich, wenn es vorbei ist. Ich meine, rufst du mich an?“
„Das ist unmöglich! Du kannst mich erst am nächsten Tag besuchen. Pass auf: Uwe und ich werden an einem Tag, der sich vom Wetter her für so eine Hochtour eignet, ganz frühzeitig aufbrechen. Es ist üblich, dass man mit dem Venedigertaxi, das als einziges für diese Region eine Sondererlaubnis hat, Wanderer dort hinauf bringt, bis zur Johannishütte. Dadurch erspart man sich einen mühsamen Aufstieg in einem Gelände, das wenig reizvoll ist. Die meisten Leute haben von dort die Sajathütte zum Ziel, ein richtiges Schloss in den Bergen, aber wir werden die andere Richtung einschlagen, über den Venediger Höhenweg und die Zopetscharte. Da oben werde ich keinen Handyempfang haben, das weiß ich. Somit kann ich weder dich, noch die Bergwacht informieren. Wenn es“, einen kurzen Moment hielt Editha inne, bevor sie weiter sprach, „vorbei ist, muss ich bis zur Johannishütte absteigen. Von dort können die Wirtsleute über ein Funksprechgerät die Bergwacht verständigen, und ich werde einen Nervenzusammenbruch vortäuschen.“

Achim stocherte lustlos in seinem Essen und war erstaunt, mit welchem Appetit sich Editha über ihren Teller hermachte. Selbst auf die Gefahr hin, dass sie gleich einen Wutanfall bekommen könnte, musste er die Frage loswerden: „Ist es denn völlig ausgeschlossen, dass Uwe noch Gelegenheit hat…“
Weiter kam er nicht mit seiner Ausführung, denn Editha unterbrach ihn, und als sie ihn ansah, verengten sich ihre Augen zu kleinen Schlitzen: „Er wird nichts mehr sagen können, weil er mausetot sein wird. Oder könntest du nach einem Sturz, ein paar hundert Meter in die Tiefe, noch aufstehen und etwas sagen? Jeder wird es für einen tragischen Unfall halten, wie sie sich mehrmals im Jahr in den Alpen ereignen. Ein unglücklicher Tritt auf eine nachgebende Platte, du verlierst die Balance, kannst dich nicht mehr halten, bekommst Übergewicht und weg bist du. In diesem Fall wird in den Zeitungen zu lesen sein, dass trotz bester Ausrüstung, alpiner Erfahrung und überhaupt… Nein, gib endlich Ruhe.“
„Du hast ja recht, das überlebt niemand. Ich bin nur so nervös und wäre froh, wenn ich das alles schon hinter mir hätte.“
„Dabei hast du gar nichts damit zu tun“, jammerte Editha. „Die ganze Arbeit bleibt doch wieder einmal nur an mir hängen.“
Achim beugte sich über den Tisch und gab ihr einen Kuss auf die Stirn: „Ja, du bist eine starke Frau, und bald wirst du mir gehören, mir ganz allein.“
„Zurück zu deiner Frage vorhin: Ich werde an diesem Tag sicher noch von vielen verhört werden. Die Polizei wird Näheres wissen wollen, und auch unsere Vermieter werden mich keinen Augenblick alleine lassen. Deshalb kann ich nicht ein einziges Mal riskieren, mich bei dir zu melden. Alle müssen davon überzeugt sein, dass ich ihrer seelischen Anteilnahme bedarf. Da würde es nicht gut aussehen, wenn du plötzlich mitten in dem ganzen Chaos auftauchst. Das Risiko ist viel zu groß. Am nächsten Tag habe ich wahrscheinlich auch noch Formalitäten zu erledigen und muss mich um die Überführung kümmern. In unserer Unterkunft, dem Innerkratzerhof, ziehen sich die Gisi und ihr Mann Siegi früh am Abend in ihre Privaträume zurück, weil sie in aller Herrgottsfrühe raus müssen. Die Haustür zu den Gästezimmern steht aber auch die ganze Nacht offen. Wenn du oben ankommst, musst du ja nicht gerade anklopfen, wenn dich jemand im Flur sieht.“

Sie bezahlten bei der Bedienung die Rechnung, und für Editha wurde es langsam knapp mit der Zeit. „Ich muss jetzt aber los. Sonst stellt mir Uwe wieder tausend Fragen. Halte dich an unsere Abmachung: Keine SMS verschicken, die sind schon vielen zum Verhängnis geworden. Du wirst dir ja ein Zimmer in Hinterbichl nehmen und kannst sicher sein, dass sich so ein Unglück bei den Einheimischen in Windeseile herumspricht.“

Für beide zogen sich die nächsten Tage endlos dahin. Jeder zählte fast schon die Stunden bis zum Aufbruch, und sie konnten die innere Anspannung kaum noch aushalten. Achim beschloss für sich, jeden Tag ein paar Stunden auf der Johannishütte zu verbringen. Erst einmal genoss man von dort einen einmaligen Blick auf den Großvenediger, dessen Gletscher ihm bei wolkenlosem Himmel einen herrlichen Kontrast bot. Außerdem war das Essen nicht nur für eine Schutzhütte ungewöhnlich gut. Der Hauptgrund war jedoch, dass er dort als einer der ersten von dem „Unglück“ erfahren würde. Natürlich durfte er nicht zu lange auf der Terrasse bleiben und musste sich die restliche Zeit in sicherer Entfernung
aufhalten, damit ihn Editha nicht sehen konnte. Der Aufenthalt auf der Johannishütte schien ihm die beste Lösung zu sein, um gegen seine Unruhe und Nervosität anzukämpfen.

Drei Tage hatte er schon Stunden mit geduldigem Warten verbracht, und er hoffte, durch seine täglichen Fahrten nicht bei dem Taxiunternehmen aufzufallen. Glücklicherweise wechselten sich die Fahrer untereinander ab, und darüber hinaus schleppte er jedes Mal zur Tarnung einen Rucksack mit. Aber heute richtete sich seine Aufmerksamkeit plötzlich auf eine einzelne Person, die sich bergab schnell dem Tal näherte. In der Regel ließen es die meisten Wanderer beim Abstieg ruhig angehen und hatten keine Eile. Außerdem kam es selten vor, dass sich jemand ganz alleine auf eine Tour im Hochgebirge begab. Das musste Editha sein. Achim verfolgte voller Anspannung, dass sich nun einige Gäste auf dem freien Platz vor der Hütte versammelt hatten. Da hörte er auch schon das typische Geräusch eines herannahenden Hubschraubers, und wenn er sich nicht täuschte, waren die Rettungsmannschaften in Alarmbereitschaft versetzt. Allerdings, so wusste er, würden die in den nächsten Stunden weniger einen Rettungs-, als vielmehr einen Bergungseinsatz haben. Die Richtung, in der sich die Zopetscharte befinden muss, konnte Achim nur erahnen, und so verschwand der Hubschrauber für geraume Zeit aus seinem Blickfeld. Dafür näherte sich eine Autokolonne, bestehend aus Polizeifahrzeugen und Krankenwagen. Wenn die wüssten, triumphierte Achim innerlich. Den Krankenwagen haben sie umsonst hier herauf geschickt, den hätten sie sich sparen können. Sein Herz klopfte wie wild, und er zitterte vor Anspannung. Die Minuten vergingen viel zu langsam und kamen ihm unendlich vor. Da hörte er auch schon wieder die Rotorblätter des Helikopters, und mit Genugtuung erblickte er ein verschnürtes Bündel, das dieser an einem Seil unter sich herzog.

Achim hatte genug gesehen und machte sich dieses Mal zu Fuß auf den ermüdenden Abstieg, der ihn rund achthundert Höhenmeter bis hinunter nach Hinterbichl führte. Beim Gasthof Islitzer ließ er sich zum ersten Mal seit Tagen das Essen schmecken, und er blickte voller Vorfreude auf den nächsten Tag, an dem er endlich Editha in seine Arme schließen würde. Die Nacht bescherte ihm einen tiefen Schlaf, und am nächsten Morgen konnte er zufrieden einer gemeinsamen Zukunft mit seiner Liebsten entgegenblicken. Den Tag vertrieb er sich mit einem Gang an der Isel entlang bis nach Prägraten und kehrte dort beim Gasthof Großvenediger ein, wo er sich aus gegebenem Anlass einen Wein gönnte, der in anderen Gasthöfen seinesgleichen sucht. Es blieb allerdings nicht bei dem einen Gläschen, und so machte er sich am frühen Abend, leicht angeheitert, auf den Weg zu Edithas Unterkunft. Endlich war der ganze Spuk vorbei und nichts mehr würde sie trennen. Seine ganze Leidenschaft und Liebe soll sie jeden Tag spüren, und er wird der glücklichste Mann auf der ganzen Welt sein.

Mit klopfendem Herzen erreichte Achim die kleine Privatpension und alles schien ruhig, genau wie Editha es ihm prophezeit hatte. Er betrat das Haus und stieg die knarrenden Holzstufen in die erste Etage. Ein Eichhörnchen über der Tür symbolisierte das Zimmer, in dem Editha in diesem Jahr mit ihrem Mann untergekommen war. Voller Vorfreude klopfte er an die Tür. Aber es regte sich nichts. Sie muss doch gehört haben, dass er angeklopft hat. Schließlich wollte er nicht so laut an die Tür bollern, dass sofort die Gäste aus den Nachbarzimmern auf den Flur kamen. Deshalb versuchte er es noch einmal zögernd und vernahm endlich auch Schritte, die sich aus dem Zimmer der Tür näherten. Ein Schlüssel wurde im Türschloss gedreht und die Tür wurde geöffnet. Mit vor Schreck geweiteten Augen blickte Achim in die Augen eines Mannes, den er bisher nur von Fotos kannte.
„Wo, wo ist Editha?“, stammelte Achim. Mehr brachte er nicht heraus, denn sein Herz schien wie von einer eisernen Hand umklammert.
„Meine Frau ist gestern durch ein schreckliches Unglück zu Tode gekommen. Sie kannten meine Frau? Wer sind Sie?“

Ein Kind des Ruhrgebiets von Beatrix Petrikowski

Ein Kind des Ruhrgebiets
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