Auf eine gute Zusammenarbeit

Eine Kurzgeschichte aus dem Buch „Ein Kind des Ruhrgebiets“.

Rafael war wieder einmal spät dran, und er würde sich beeilen müssen, um pünktlich im Büro zu sein. Schnell trank er seinen letzten Schluck Kaffee im Stehen und kontrollierte vor dem Garderobenspiegel den akkuraten Sitz seiner Krawatte, bevor er sich auf den Weg machte.

Draußen schüttete es wie aus Eimern. Zum Glück gab es einen direkten Zugang zu seiner Garage, so dass er seinen Wagen trockenen Fußes erreichte. Rasant fädelte er sich mit dem Porsche in den fließenden Verkehr ein. Die Scheibenwischer liefen auf der höchsten Stufe und seine Gedanken hingen an seinem nächsten Großauftrag. Zu spät sah er eine Wasserlache und auf dem Gehweg hatte es eine junge Passantin voll erwischt. Augenblicklich hörte er, wie sie wüste Beschimpfungen gegen ihn ausstieß. Verdammter Mist! Ihm blieb nichts anderes übrig, als an der nächsten Parkbucht anzuhalten, wenn er sich nicht auch noch eine Anzeige einfangen wollte. Er ließ die Scheibe auf der Beifahrerseite herunter, und noch bevor er ein Wort der Entschuldigung hervorbringen konnte, fuhr ihn die wütende Frau an: „So eine Unverschämtheit! Können Sie nicht besser aufpassen?“ Voller Verzweiflung fügte sie hinzu: „Was soll ich denn jetzt bloß machen? Ich sehe aus wie ein Schwein! Meine Schuhe sind total versaut, und mein Rock ist bis oben patschnass.“
„Hören Sie, es tut mir leid! Aber mit diesen Stöckelschuhen und dieser Garderobe haben Sie hier draußen auch nichts zu suchen.“
Völlig aufgelöst und ungehalten kreischte sie zurück: „Das ist ja wohl eine bodenlose Frechheit! Was geht es Sie an, wie ich gekleidet bin?“
Unvermittelt brach die junge Frau in Tränen aus und stammelte: „Aus – aus, jetzt ist alles aus. Und das ist einzig und allein Ihre Schuld!“
„Nun beruhigen Sie sich erst einmal. Sehen Sie dort drüben das Bistro? Lassen Sie uns dort bei einer Tasse Kaffee die Angelegenheit klären. Ich werde selbstverständlich für den Schaden aufkommen.“
„Für den Schaden aufkommen? Dass ich nicht lache – ich habe die Chance meines Lebens verpasst!“

Rafael verstand nichts von dem Gerede und dachte lediglich daran, seiner Sekretärin Bescheid zu geben, die seinen Termin verschieben muss. Larissa war mittlerweile alles egal und folgte Rafael ins Bistro. Nachdem beide in einer Nische Platz genommen hatten, durchbrach er die Stille und machte den Anfang: „Nun erzählen Sie einmal, welche Chance Sie verpasst haben wollen. Waren Sie auf dem Weg zu einem Meeting, für das Sie sich so herausgeputzt haben?“
„Erraten – Sie Schlaumeier! Ich hätte jetzt gleich einen Vorstellungstermin. Bei einer Werbeagentur, wenn Sie es genau wissen wollen. Aber so, wie ich jetzt aussehe, kann ich doch unmöglich dort aufkreuzen.“
In Rafaels Kopf überschlugen sich die Gedanken und er stimmte ihr zu: „Da muss ich Ihnen allerdings recht geben. So, wie Sie jetzt aussehen, würde Sie kein Chef einstellen. Sie sollten wenigstens den Termin telefonisch absagen und sich eine plausible Erklärung einfallen lassen.“
Larissa kramte sofort in ihrer Handtasche nach ihrem Handy und legte eine Visitenkarte auf den Tisch, von dem sie die Telefonnummer ablas.

Verstohlen warf Rafael einen Blick auf die Karte und zog sich diskret zurück, um selbst telefonieren zu können. „Hallo Frau Schreiber. Ich bin in eine missliche Lage geraten und komme erst später ins Büro.“
„Aber Herr Wulther, Sie haben gleich einen Termin und…“
Weiter kam seine Sekretärin nicht, denn er schnitt ihr das Wort ab: „Ich weiß, ich weiß. Sie werden das schon machen. Ich verlass’ mich da ganz auf Sie.“

„Na, haben Sie alles geklärt?“, fragte er seine Tischnachbarin süffisant.
„Wie man es nimmt. Eine Dame am Empfang wollte es entsprechend weiterleiten und mit viel Glück bekomme ich eine zweite Chance. Sie wollen sich wieder bei mir melden.“
„Was halten Sie davon, wenn ich Sie erst einmal nach Hause fahre und für den heutigen Abend zum Essen einlade?“
Larissa, die sich dem Charme des gut aussehenden Mannes nicht entziehen konnte, nahm die Einladung mit einem zaghaften Lächeln an.

Wie verabredet, holte Rafael sie am Abend ab, und sie fuhren in ein exquisites Restaurant, wo er Stammgast war und einen Tisch reserviert hatte. Nachdem sich Larissa für ein Gericht mit Wildlachs entschieden hatte, erlaubte er sich, für sie einen passenden Riesling von der Nahe mit einem unverkennbaren Aprikosenaroma auszuwählen. Das Lokal war für seine ausgezeichnete Weinkarte bekannt und beschäftigte einen angesehenen Sommelier. Es war Rafael eine Genugtuung, seine Wahl durch Larissas anerkennende Blicke bestätigt zu finden. Selbst hatte er sich für ein Lammkotelett und einer dazu passenden Reserva aus der Rioja entschieden. Er liebte diesen Marqués de Murrieta, der nach Cassis duftet und im Gegensatz zu schweren Weinen das Gericht nicht erschlägt, sondern eine wunderbare Ergänzung eingeht.

Nachdem der Kellner die Teller abgeräumt und beide angeregt über die unterschiedlichsten Themen diskutiert hatten, bestand Rafael auf einem gemeinsamen Glas Barolo, zu dem er außerdem noch eine Portion vom gleichnamigen Käse bestellte, der das Gaumenerlebnis perfektionieren würde. Dieser aus der Nebbiolo-Traube gewonnene Rotwein würde seiner charmanten Begleiterin sicher auch zusagen, und er nahm befriedigt zur Kenntnis, dass sie nach dem ersten Schluck in Verbindung mit dem Barolo-Käse anerkennend nickte: „Ich muss gestehen, Sie haben einen ausgezeichneten Geschmack.“
„Danke für das Kompliment! Wichtig ist, dass der Käse zum Wein passt, was leider häufig nicht der Fall ist.“
Larissa dachte unterdessen an den Anlass für dieses Treffen.
Rafael erriet schnell den Grund ihrer Betrübnis, und so hielt er es für angebracht, ihr endlich „reinen Wein“ einzuschenken: „Es war mir eine Freude, das Arbeitsverhältnis mit meiner zukünftigen Mitarbeiterin auf eine so angenehme Art begonnen zu haben. Sie dürfen das als Zusage auffassen, denn hiermit sind Sie eingestellt!“
Larissa sah ihn mit großen Augen an und stammelte: „Wie, was, Sie sind…?“
„Ja, schon als Sie von dem Vorstellungstermin bei einer Werbeagentur sprachen, ahnte ich, dass es sich nur um meine Agentur handeln konnte, und ganz sicher war ich schließlich, als Sie die Visitenkarte aus Ihrer Tasche zogen. Wir sollten unbedingt noch mit einem etwas kräftigeren Saint-Estèphe aus dem Bordeaux auf eine gute Zusammenarbeit anstoßen!“

Ein Kind des Ruhrgebiets von Beatrix Petrikowski

Ein Kind des Ruhrgebiets
Books on Demand 2015
Broschur
204 Seiten
ISBN 978-3-7392-2289-9

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